Teil 1 - Eine schreckliche Begegnung
Als Robert Scott, junger englischer Adeliger aus gutem Hause, im
Sommer des Jahres 1856 seine große Europareise antrat, ahnte er
nicht, dass der gefährlichste Abschnitt nicht in den Wirren fremder
Reiche, sondern in einem abgelegenen Dorf der Karpaten in der Walachei auf ihn
wartete. Wochenlang war er unterwegs gewesen — über die
Niederlande, den Deutschen Bund, Wien, Budapest, durch die Moldau und
Walachei — bis er schließlich in einem winzigen transylvanischen
Bergdorf Halt machte.
Das Dörfchen lag wie ein verlorenes Juwel inmitten schroffer
Gipfel. Ein Gasthof bot Unterkunft, und Robert, erschöpft von der
Reise, beschloss, ein paar Tage zu bleiben. Doch schon beim Betreten
des Gastraums irritierte ihn etwas: Überall hingen Knoblauchstränge,
an jeder Wand prangten Kruzifixe. Der Wirt lächelte gequält, als
Robert ihn darauf ansprach, und wechselte rasch das Thema.
Beim Abendessen fragte Robert in holprigem Rumänisch nach der
Burgruine, die hoch oben über dem Dorf thronte. Doch plötzlich
schienen alle Gäste taub zu werden. Niemand verstand ihn — oder
wollte ihn verstehen. Erst als er später bezahlen wollte, bestand
der Wirt darauf, die Kosten für mehrere Nächte im Voraus zu
kassieren. Eine alte Frau bekreuzigte sich, während eine andere ihm
wortlos ein kleines Kreuzamulett umhängte.
In dieser Nacht träumte Robert unruhig. Eine Frau in
altertümlicher Kleidung schwebte durch dunkle Hallen, ihr Gesicht
bleich, ihre Augen wie zwei glühende Rubine. Sie rief seinen Namen.
Als er schweißgebadet erwachte, war er überzeugt, dass es nur ein
Traum gewesen war.
Am Morgen jedoch, bei strahlendem Sonnenschein, erschien ihm alles
wieder harmlos. Die Wirtin wurde kreidebleich, als er ankündigte,
zur Burg hinaufzuwandern. Sie warnte ihn eindringlich vor
Wetterumschwüngen in den Bergen. Doch Robert, ein erfahrener
Reisender, lächelte nur höflich und brach auf.
Der Weg war länger und steiler als erwartet. Die Landschaft war
atemberaubend, doch der Pfad wurde immer schmaler, immer
gefährlicher. Als die Sonne bereits sank, erreichte er endlich die
Ruine. Die Luft war schwül, ein Gewitter zog auf. Die Wirtin hatte
recht behalten.
Mit einem Mal brach der Himmel auf. Das Rauschen der Bäume kündigte einen Gewittersturm an. Schließlich umtoste ihn ein Sturm, Donner krachte, Blitze zuckten ganz nahe über die zerfallenen Mauern. Der Himmel öffnete seine Schleusen, dicke Regentropfen und Hagelkörner prasselten herunter.
Was für ein heftiges Gewitter! Hatte da der Teufel seine Hand mit im Spiel?
Plötzlich schlug ein Blitz unweit von ihm ein. Der Blitz zerbrach ein steinernes Tor und öffnete einen finsteren Eingang. Robert erschrak dabei halb zu Tode.
Als sich Roberts Schreck gelegt hatte, suchte er dort völlig durchnässt Schutz und ging durch den vom Blitz geöffneten Eingang, der in die Tiefe führte. Seine Handlaterne war Gold wert.
Eine steinerne Treppe führte im schummerigen und flackernden Licht seiner Laterne hinab in eine modrige Gruft.
Der Geruch war widerlich, doch es war trocken. Vielleicht konnte
er hier die Nacht verbringen. Als er den Raum ausleuchtete, fuhr ihm
ein Schauer über den Rücken: Auf einer Empore stand ein gewaltiger
Marmorsarg, reich verziert.
In großen Lettern stand darauf:
„Doamna Chiajna — 1525–1588 Fürstin
der Walachei“
„Historisch interessant“, murmelte Robert sich selbst Mut machend — auf die Inschrift starrend begann Nebel
aus einem feinen Riss im Sarg zu quellen. Erst dünn, dann dichter,
schließlich leuchtend. Ein fluoreszierender Nebel, wie er ihn noch
nie gesehen hatte. Was für ein Phänomen der Natur! Konnte das ein Elmsfeuer sein? Nein, wohl eher nicht.
Mit Faszination aber auch zunehmender Angst stellte er fest, der Nebel formte sich. Eine Gestalt entstand. Eine Frau.
Eine wunderschöne Frau!
Altmodisch gekleidet, mit einer goldenen Krone im dunklen Haar.
Ihre Lippen blutrot, ihr Gesicht bleich wie Marmor.
Mit einer Stimme, die zugleich sanft und hallend war, sprach sie
in altmodischem Englisch:
„Darf ich mich vorstellen: Ich bin
Doamna Chiajna Herrin, Fürstin und Königin der Walachei und große
Feindin der Osmanen und Muselmännern. Von den Christen halte ich
auch nicht viel!
Du musst Robert aus Engel-Land sein. So blond, so rein. In
deinen Adern fließt edles Blut. Lass es mich kosten.“ Dabei schnalzte sie lüstern mit ihrer Zunge.
Robert spürte eine Todesangst, wollte fliehen, doch seine Beine gehorchten ihm nicht. Wie
in Trance trat er auf sie zu. Er spürte ihren Busen und ihren Leib. Ihr Körper fühlte sich nicht wie der warme Körper eines
„Weibes“ an, er fühlte sich an wie Eis.
Ihr Atem roch nach Grab und Verwesung. Lust und Todesangst rangen in
ihm.
Sie öffnete seinen Kragen, strich mit ihren Fingern sanft über seinen Hals. Was für lange und spitze Fingernägel sie hatte! Fast wie die einer Raubkatze!
Ihre Lippen
trennten sich, und zwei spitze, glänzende Zähne kamen zum
Vorschein. Ihre kalte Zunge wie die einer Schlange strich leicht kitzelnd über seine Wangen, Ihre Augen begannen rot zu glühen — ein unnatürliches,
brennendes Rot.
Er war voller Angst, konnte ihr aber nicht entfliehen, war ihr willenlos ausgeliefert.
Plötzlich schoss wie bei einem Gewitter ein Blitz aus ihren Augen und traf seine Brust.
Das Kreuzamulett, das die alte Frau ihm gegeben hatte, glühte auf
wie ein Stück geschmolzenes Eisen, seine Brusthaare verbrannten. Die Vampyrkönigin schrie auf,
als hätte man sie mit Feuer getroffen, und stieß ihn von sich.
„Du widerlicher Christ! Weiche von mir! Dein Blut ist mir
verhasst!“
Robert stürzte zu Boden, rappelte sich hoch und rannte. Er
rannte, als würde der Leibhaftige selbst hinter ihm her sein. Nur der Teufel? Sie war was Schlimmeres!
Der Sturm und der Regen peitschte ihm ins Gesicht, es war stockdunkel, der Pfad war rutschig, und mehrmals wäre
er beinahe in den Abgrund gestürzt. Im Hintergrund heulten Wölfe und andere Kreaturen der Nacht. Doch nichts war so
furchterregend wie das Ungeheuer in der Gruft, das er hinter sich ließ. Trotz alle dem fand er den Pfad zurück ins Dorf.
Erst bei einem blutroten Sonnenaufgang erreichte er es, durchnässt, fiebernd, zitternd,
halb wahnsinnig vor Angst. Die Dorfbewohner rannten ihm entgegen. Sie ahnten, was
geschehen war. Niemand stellte Fragen. Nur die Wirtin untersuchte seinen Hals und seine Handgelenke. Aufatmend stellte sie fest, dass er dort weder verletzt war, noch sein Kreuz um den Hals verloren hatte. Sie stützte ihn und half ihm auf sein Zimmer, wo er mit Schüttelfrost in einen unruhigen aber auch tiefen Schlaf fiel.
Robert Scott, der junge englische Adelsspross, nahm sich vor, bevor ihm die Augen zufielen, das
Dorf gleich am nächsten Tag zu verlassen.
Doch es kam anders...
Aus meinen 3 Kurzgeschichten hier in meinem Blog entstand ein Buch, aber noch spannender und nun in voller Länge:
Hardcover - Taschenbuch