Zurück zum Teil 2 der Geschichte
Die Wirtin drückte Robert einen schweren Rosenkranz in die Hände. „Hängen Sie ihn sich zusätzlich zum Amulett um den Hals“, sagte sie mit brüchiger Stimme. „Möge Gott uns gnädig sein und seine Engel über uns wachen lassen. Wir müssen hoffen, dass diese Nacht ohne weiteres Unheil vergeht. Morgen… morgen sehen wir weiter.“
Sie bekreuzigte sich mehrfach, als wolle sie mit jeder Bewegung eine unsichtbare Mauer gegen das Böse errichten.
Der Gastraum hatte sich inzwischen geleert. Die letzten Gäste waren mit gesenkten Köpfen und schnellen Schritten in die Dunkelheit verschwunden. Niemand wollte länger als nötig draußen bleiben. Der Wirt verriegelte die Tür, schob schwere Balken davor und prüfte jedes Schloss zweimal. Das dumpfe Klonk des letzten Riegels hallte wie ein Vorbote des Grauens durch den Raum.
Robert stieg mit schlechtem Gewissen die knarrende Treppe hinauf. Er dachte an die Dorfbewohner, die nun durch die Nacht nach Hause eilten. Was, wenn jemand von ihnen der Königin begegnete? Was, wenn sein unbedachter Ausflug auf die Burg das ganze Dorf ins Verderben stürzte?
Sein Zimmer war kaum wiederzuerkennen. Überall hingen Kreuze: an den Wänden, über dem Bett, sogar am Kleiderschrank. Das Fenster war so dicht mit Knoblauch behangen, dass kaum noch Licht hindurchdrang. Die Luft war stickig, schwer und durchdrungen von dem stechenden Geruch der Knollen. Draußen grollte bereits fernes Donnern.
Beherrscht sie auch das Wetter? Der Gedanke ließ ihn frösteln.
In der Ferne heulten Wölfe. Erst vereinzelt, dann im Chor. Ein langgezogenes, klagendes Heulen, das durch Mark und Bein ging. Robert wusste nicht, wie er in dieser Atmosphäre überhaupt schlafen sollte.
Er entkleidete sich, wusch sein Gesicht mit kaltem Wasser und legte sich schließlich ins Bett. Der Rosenkranz lag schwer auf seiner Brust. Seine Gedanken kreisten unaufhörlich um die Vampyrkönigin. Warum hatte gerade er sie geweckt? Andere Besucher hatten die Burg sicher auch betreten — doch nur er hatte sie aus ihrem jahrhundertelangen Schlaf gerissen.
Er fand keine Antwort. Irgendwann übermannte ihn die Erschöpfung.
Doch der Schlaf brachte keine Ruhe.
Er träumte von Nebel, von kalten Händen, von Augen, die wie glühende Kohlen in der Dunkelheit schwebten. Draußen heulte der Wind nun ebenso laut wie die Wölfe. Ein Gewitter zog heran, das die Berge erzittern ließ.
Plötzlich fuhr Robert hoch. Er zitterte am ganzen Körper — nicht vor Hitze, sondern vor eisiger Kälte.
Etwas klapperte am Fenster.
Er griff nach seiner Lampe, entzündete sie und hob sie zitternd. Im Lichtschein sah er eine riesige Fledermaus, die immer wieder gegen das Fenster schlug. Ihre Flügel waren so groß wie die eines Adlers, ihre Augen rot wie Blut. Bei jedem Aufprall vibrierte das Glas. Ein feiner Sprung zog sich bereits über die Scheibe.
„Hoffentlich hält das…“, flüsterte Robert.
Da hörte er eine Stimme. Eine liebliche, verführerische, aber zugleich unheilvolle Stimme.
„Rooobert… öffne das Fenster. Mach mir auf. Entferne diesen lächerlichen religiösen Tand…“
Die Fledermaus verwandelte sich teilweise — ihr Kopf formte sich zu dem bleichen, schönen Gesicht der Königin, während der Körper ein groteskes Zwischenwesen blieb. Ein Albtraum aus Mensch und Tier.
Robert stammelte: „Was… was willst du von mir?“
„Ich habe Großes mit dir vor“, hauchte sie. „Öffne…“
Wieder krachte sie gegen das Fenster. Ein zweiter Sprung. Das Glas würde nicht mehr lange halten.
In diesem Moment flog die Tür auf.
Der Wirt stürzte herein, ein großes Kreuz in den Händen. „Hebe dich hinweg, du satanische Gestalt!“, rief er mit bebender Stimme.
Die Kreatur lachte. Ein kaltes, höhnisches Lachen, das die Luft gefrieren ließ.
„Ihr Narren… das wird euch nicht retten. Ihr werdet noch von mir hören.“
Dann verwandelte sie sich vollständig zurück in eine Fledermaus und schoss in die Nacht davon.
Im selben Augenblick brach das Gewitter los. Ein Blitz erhellte das ganze Tal. Donner folgte unmittelbar, so laut, dass die Wände erzitterten. Hagel prasselte gegen das Dach, gefolgt von einem sintflutartigen Regen.
Der Wirt schloss das Fenster, so gut es ging, und wandte sich Robert zu.
„Oh je… bei solchem Wetter drohen Erdrutsche. Besonders auf der Zufahrt durch die Schlucht. Wenn die verschüttet wird, sind wir wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten. Und dann kommen die Räuberbanden aus den Bergen. Die nutzen solche Nächte. Und wer weiß… vielleicht stehen sie sogar im Bunde mit der Vampyrkönigin.“
Er schluckte schwer.
„Und sie… sie wird stärker werden. Mit jeder Nacht. Mit jedem Tropfen Blut. Damals hat sie das ganze Dorf ausgelöscht. Gott sei uns gnädig.“
Draußen heulte der Wind. Ein weiterer Blitz erhellte das Tal. Und irgendwo in der Ferne — oder vielleicht ganz nah — erklang ein Lachen.
Ein Lachen, das nicht menschlich war.
Teil 4 folgt ...

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