Zurück zum Teil 1 der Geschichte
Robert schlief den ganzen Tag wie betäubt. Sein Körper fühlte sich schwer an, als läge ein unsichtbarer Stein auf seiner Brust. Immer wieder zuckten Bilder der letzten Nacht durch seine Träume: der leuchtende Nebel, die eisige Haut der Königin, ihr feuriger Blick. Er wachte mehrmals auf, nur um wieder in einen unruhigen Halbschlaf zu fallen.
Erst als die Sonne bereits hinter den Bergen versank, öffnete er endgültig die Augen. Sein Magen knurrte laut — er hatte seit über einem Tag nichts gegessen. Mühsam richtete er sich auf. Die Erschöpfung war noch da, aber der Schlaf hatte ihm zumindest etwas Kraft zurückgegeben.
In der Gaststube herrschte gedämpftes Murmeln. Als Robert eintrat, verstummten die Gespräche. Ein Mann, der gerade den Regenmantel abstreifte, rief in den Raum: „Wie das draußen heute heult! So viele Wölfe gab es hier schon lange nicht mehr!“
Dann sah er Robert — und bekreuzigte sich sofort.
Robert ignorierte ihn. Die Dorfbewohner waren schon am Vorabend seltsam gewesen, abweisend, misstrauisch. Er setzte sich in eine abgelegene Nische und bestellte ein einfaches Abendessen. Die Wärme des Essens tat gut, doch die Blicke der anderen Gäste brannten in seinem Rücken.
Nach einer Weile setzte sich die Wirtin zu ihm. Ihr Gesicht war ernst, ihre Hände zitterten leicht.
„Erzählen Sie mir alles“, sagte sie leise.
Robert berichtete stockend von der Burgruine, vom Gewitter, von der Gruft — und von der Frau, die aus dem Nebel gestiegen war. Die Wirtin wurde immer blasser.
„Oh je…“, flüsterte sie schließlich. „Was für ein Unheil haben Sie unbewusst über uns gebracht?“
Robert starrte sie verwirrt an. Die Wirtin fuhr fort:
„Seit Generationen lebten wir in Frieden. Doch nun breitet sich altes Grauen wieder aus. Du hast die Vampyrkönigin Doamna Chiajna geweckt — nach fast 150 Jahren Schlaf. Zuletzt trieb sie hier ihr Unwesen zur Zeit des Venezianisch-Österreichischen Türkenkriegs. Damals rottete sie das ganze Dorf aus. Die Toten liegen oben auf der Burg… aber sie sind nicht wirklich tot. Sie sind ihre Diener. Ihre Adepten.“
Robert schluckte schwer. „Ich… ich wollte doch nur die Burg sehen. Warum hat mir niemand etwas gesagt?“
„Weil Fremde uns nie glauben“, antwortete sie bitter. „Und weil manche trotz Warnung erst recht hinaufgehen würden. Viele kamen zurück — ohne Zwischenfall. Aber der Blitz, der das Tor zur Gruft aufsprengte… das war ein Zeichen. Ein Schlüsselereignis. Da muss mehr dahinterstecken. Sie allein tragen nicht die Schuld.“
Sie beugte sich näher zu ihm. „Aber hören Sie gut zu: Die Königin war noch schwach. Nur deshalb hat das Amulett Sie geschützt. In ein paar Tagen hätte sie es mit ihrem Blick geschmolzen — und Sie wären einer von ihnen geworden.“
Robert spürte, wie ihm kalt wurde.
„Heute Nacht“, sagte die Wirtin, „müssen wir uns schützen. Alle. Ich schicke die Gäste heim — jeder bekommt ein Kreuz oder ein Amulett. Die Vorsichtigen sind ohnehin nicht gekommen. Und Sie… auf Sie hat es die Königin besonders abgesehen.“
Sie stand auf, rief nach dem Dienstmädchen und gab ihr Anweisungen.
„Ihr Zimmer wird mit Weihwasser, Hostien, Knoblauch und Kreuzen gesichert. Öffnen Sie kein Fenster. Und wenn etwas passiert — rufen Sie sofort um Hilfe. Wir werden wachen. So gut wir können.“
Dann legte sie ihm eine Hand auf die Schulter.
„Gott möge uns gnädig sein. Denn dies ist erst der Anfang.“
Fortsetzung folgt...

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