Freitag, 20. Februar 2026

Die Vampyrkönigin

Als Robert Scott, junger englischer Adeliger aus gutem Hause, im Sommer des Jahres 1856 seine große Europareise antrat, ahnte er nicht, dass der gefährlichste Abschnitt nicht in den Wirren fremder Reiche, sondern in einem abgelegenen Dorf der Karpaten auf ihn wartete. Wochenlang war er unterwegs gewesen — über die Niederlande, den Deutschen Bund, Wien, Budapest, durch die Moldau und Walachei — bis er schließlich in einem winzigen transylvanischen Bergdorf Halt machte.

Das Dörfchen lag wie ein verlorenes Juwel inmitten schroffer Gipfel. Ein Gasthof bot Unterkunft, und Robert, erschöpft von der Reise, beschloss, ein paar Tage zu bleiben. Doch schon beim Betreten des Gastraums irritierte ihn etwas: Überall hingen Knoblauchstränge, an jeder Wand prangten Kruzifixe. Der Wirt lächelte gequält, als Robert ihn darauf ansprach, und wechselte rasch das Thema.

Beim Abendessen fragte Robert in holprigem Rumänisch nach der Burgruine, die hoch oben über dem Dorf thronte. Doch plötzlich schienen alle Gäste taub zu werden. Niemand verstand ihn — oder wollte ihn verstehen. Erst als er später bezahlen wollte, bestand der Wirt darauf, die Kosten für mehrere Nächte im Voraus zu kassieren. Eine alte Frau bekreuzigte sich, während eine andere ihm wortlos ein kleines Kreuzamulett umhängte.

In dieser Nacht träumte Robert unruhig. Eine Frau in altertümlicher Kleidung schwebte durch dunkle Hallen, ihr Gesicht bleich, ihre Augen wie zwei glühende Rubine. Sie rief seinen Namen. Als er schweißgebadet erwachte, war er überzeugt, dass es nur ein Traum gewesen war.

Am Morgen jedoch, bei strahlendem Sonnenschein, erschien ihm alles wieder harmlos. Die Wirtin wurde kreidebleich, als er ankündigte, zur Burg hinaufzuwandern. Sie warnte ihn eindringlich vor Wetterumschwüngen in den Bergen. Doch Robert, ein erfahrener Reisender, lächelte nur höflich und brach auf.

Der Weg war länger und steiler als erwartet. Die Landschaft war atemberaubend, doch der Pfad wurde immer schmaler, immer gefährlicher. Als die Sonne bereits sank, erreichte er endlich die Ruine. Die Luft war schwül, ein Gewitter zog auf. Die Wirtin hatte recht behalten.

Mit einem Mal brach der Himmel auf. Donner krachte, Blitze zuckten über die zerfallenen Mauern. Robert suchte Schutz und fand einen Eingang, der in die Tiefe führte. Seine Handlaterne war Gold wert. Eine steinerne Treppe führte hinab in eine modrige Gruft.

Der Geruch war widerlich, doch es war trocken. Vielleicht konnte er hier die Nacht verbringen. Als er den Raum ausleuchtete, fuhr ihm ein Schauer über den Rücken: Auf einer Empore stand ein gewaltiger Marmorsarg, reich verziert.

In großen Lettern stand darauf:

„Doamna Chiajna — 1525–1588 Fürstin der Walachei“

„Historisch interessant“, murmelte Robert — da begann Nebel aus einem feinen Riss im Sarg zu quellen. Erst dünn, dann dichter, schließlich leuchtend. Ein fluoreszierender Nebel, wie er ihn noch nie gesehen hatte.

Der Nebel formte sich. Eine Gestalt entstand. Eine Frau.

Eine wunderschöne Frau.

Altmodisch gekleidet, mit einer goldenen Krone im dunklen Haar. Ihre Lippen blutrot, ihr Gesicht bleich wie Marmor.

Mit einer Stimme, die zugleich sanft und hallend war, sprach sie in altmodischem Englisch:

Darf ich mich vorstellen: Ich bin Doamna Chiajna Herrin, Fürstin und Königin der Walachei und große Feindin der Osmanen und Muselmännern. Von den Christen halte ich auch nicht viel!
Du musst Robert aus Engel-Land sein. So blond, so rein. In deinen Adern fließt edles Blut. Lass es mich kosten.“ Dabei schnalzte sie lüstern mit ihrer Zunge.

Robert spürte eine Todesangst, wollte fliehen, doch seine Beine gehorchten ihm nicht. Wie in Trance trat er auf sie zu. Er spürte ihren Busen und ihren Leib. Ihr Körper fühlte sich nicht wie der warme Körper eines „Weibes“ an, er fühlte sich an wie Eis. Ihr Atem roch nach Grab und Verwesung. Lust und Todesangst rangen in ihm.

Sie öffnete seinen Kragen, strich sanft über seinen Hals. Ihre Lippen trennten sich, und zwei spitze, glänzende Zähne kamen zum Vorschein. Ihre Augen begannen rot zu glühen — ein unnatürliches, brennendes Rot.

Plötzlich schoss ein Blitz aus ihren Augen und traf seine Brust. Das Kreuzamulett, das die alte Frau ihm gegeben hatte, glühte auf wie ein Stück geschmolzenes Eisen, seine Brusthaare verbrannten. Die Vampyrkönigin schrie auf, als hätte man sie mit Feuer getroffen, und stieß ihn von sich.

„Du widerlicher Christ! Weiche von mir! Dein Blut ist mir verhasst!“

Robert stürzte zu Boden, rappelte sich hoch und rannte. Er rannte, als würde der Teufel selbst hinter ihm her sein. Der Sturm und der Regen peitschte ihm ins Gesicht, der Pfad war rutschig, und mehrmals wäre er beinahe in den Abgrund gestürzt. Doch nichts war so furchterregend wie die Kreatur, die er hinter sich ließ.

Er erreichte das Dorf erst im Morgengrauen, durchnässt, zitternd, halb wahnsinnig vor Angst. Die Dorfbewohner wussten sofort, was geschehen war. Niemand stellte Fragen.

Und Robert Scott, der junge englische Adelsspross, verließ das Dorf gleich am nächsten Tag — und sprach nie wieder über die Nacht, in der er der Vampyrkönigin begegnet war.

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