Ein Blick auf Herausforderungen, Konkurrenz und notwendige Veränderungen
Wikipedia war über zwei Jahrzehnte lang das zentrale Wissensprojekt des Internets. Für viele Generationen war sie die erste Anlaufstelle, wenn es um Fakten, Hintergründe oder schnelle Orientierung ging. Doch seit einigen Jahren verändert sich die digitale Wissenslandschaft rasant – und Wikipedia steht vor Herausforderungen, die so tiefgreifend sind wie nie zuvor.
Künstliche Intelligenz, verändertes Nutzerverhalten, eine alternde Autorenschaft und strukturelle Probleme im Projekt selbst werfen die Frage auf:
Wie sieht die Zukunft von Wikipedia aus?
KI‑Enzyklopädien wie Grokipedia: Die neuen Konkurrenten
Mit dem Aufstieg von KI‑Systemen hat sich das Informationsverhalten grundlegend verändert. Tools wie ChatGPT, Grok, Openchat, Gemini, Deepseek oder Grokipedia liefern Antworten:
sofort
in natürlicher Sprache
ohne dass Nutzer selbst recherchieren müssen
und oft personalisiert
Diese KI‑Enzyklopädien greifen auf riesige Datenmengen zurück – darunter auch Wikipedia selbst. Doch sie präsentieren das Wissen in einer Form, die viele Nutzer als angenehmer empfinden: kompakt, dialogisch, ohne Quellensuche.
Grokipedia
Grokipedia ist dabei eine Online-Enzyklopädie noch im Anfangsstadium, die von Elon Musks Unternehmen xAI unter Nutzung des KI-Chatbots Grok aus online zugänglichen Vorlagen und Informationen erstellt wurde. Sie ist als Konkurrenz zur Wikipedia angelegt.
Für Wikipedia bedeutet all das:
Sie bleibt Quelle, verliert aber Sichtbarkeit. Viele Nutzer sehen die KI‑Antwort – nicht mehr den Wikipedia‑Artikel dahinter.
Rückläufige Zugriffszahlen seit ca. 2023
Seit etwa 2023 zeigen die Pageviews der deutschsprachigen Wikipedia einen klaren Abwärtstrend. Die Gründe dafür sind vielfältig:
KI‑Tools übernehmen die Erstinformation: Viele Nutzer stellen ihre Fragen direkt an ChatGPT & Co.
Google zeigt mehr „Direct Answers“: Suchmaschinen liefern Antworten, ohne dass man Wikipedia anklicken muss.
Verändertes Nutzerverhalten: Besonders jüngere Menschen konsumieren Wissen lieber in Video‑ oder Kurzformaten.
Mobile Nutzung verändert sich: Kürzere Sessions, weniger klassische Recherche.
Selbst große, stabile Artikel wie Deutschland verzeichnen seit 2023 deutliche Rückgänge. Das ist ein struktureller Trend, kein kurzfristiges Phänomen.
Überalterung der Autoren und Nachwuchsmangel
Ein weiteres strukturelles Problem ist die demografische Entwicklung der Community. Studien und Beobachtungen zeigen:
Die aktive Autorenschaft wird immer älter.
Viele sind seit 10–20 Jahren dabei.
Junge Menschen stoßen zwar gelegentlich dazu, bleiben aber selten dauerhaft aktiv.
Die Gründe:
hohe Einstiegshürden
komplexe Regeln
strenge Diskussionskultur
wenig Anerkennung
Konkurrenz durch andere Plattformen
Das Ergebnis ist eine Überalterung, die langfristig zu einem Qualitätsproblem werden kann.
Warum Jugendliche andere Plattformen bevorzugen
Jugendliche wachsen heute in einer Medienwelt auf, die völlig anders funktioniert als die der frühen 2000er. Sie bevorzugen:
visuelle Inhalte
kurze Formate
Unterhaltung und Persönlichkeit
Algorithmen, die Inhalte automatisch anpassen
sofortige Antworten statt langer Texte
Wikipedia dagegen wirkt aus ihrer Sicht:
textlastig
trocken
unpersönlich
und teilweise „altmodisch“
Welche Plattformen Jugendliche bevorzugen
Die wichtigsten Wissensquellen der jungen Generation sind heute:
YouTube
Erklärvideos, Tutorials, Infotainment – visuell, unterhaltsam, niedrigschwellig.
TikTok
Kurzvideos, Trends, schnelle Wissenshäppchen.
Infografiken, Slideshows, kurze Fakten.
KI‑Tools wie ChatGPT
Direkte Antworten, einfache Sprache, personalisierte Erklärungen.
Wikipedia bleibt wichtig – aber nicht mehr die erste Anlaufstelle.
Junge Themen werden schlechter abgedeckt
Bereiche wie:
Popkultur
Gaming
Internetkultur
Influencer
Memes
neue Technologien
werden oft schlechter gepflegt oder gar nicht erst angelegt.
Das liegt nicht daran, dass ältere Autoren diese Themen ignorieren – sondern daran, dass sie naturgemäß andere Interessenschwerpunkte haben. Gleichzeitig fehlen junge Autoren, die diese Lücken schließen könnten.
Löschaktionen: Warum auch ältere Autoren Wikipedia verlassen
Ein oft unterschätzter Faktor ist die interne Kultur.
Viele langjährige Autoren berichten:
zunehmende Bürokratisierung
harsche Löschdiskussionen
wenig Wertschätzung
Konflikte mit neuen Regelinterpretationen
und ein Gefühl, dass konstruktive Arbeit erschwert wird
Gerade die Löschpraxis sorgt immer wieder für Frust.
Über 100.000 tote Links: Ein strukturelles Problem
Wikipedia ist riesig – und das bedeutet auch: Viele Artikel sind veraltet.
Allein in der deutschsprachigen Wikipedia gibt es:
über 100.000 tote externe Links
unzählige Artikel mit veralteten Quellen
viele Einträge, die seit Jahren nicht überarbeitet wurden
Fazit: Wikipedia bleibt wichtig – aber sie muss sich verändern
Wikipedia ist und bleibt ein einzigartiges Projekt.
Es ist:
transparent
quellennah
gemeinschaftlich
und frei zugänglich
Doch die Welt hat sich verändert – und Wikipedia muss darauf reagieren.
Die größten Herausforderungen sind:
Konkurrenz durch KI‑Systeme
rückläufige Zugriffszahlen
eine alternde Autorenschaft
fehlender Nachwuchs
veränderte Mediennutzung
interne Konflikte
und ein wachsender Berg an Wartungsaufgaben
Die Zukunft von Wikipedia hängt davon ab, ob es gelingt:
neue Autoren zu gewinnen
die Plattform moderner zu gestalten
die Community‑Kultur zu stärken
und mit KI nicht zu konkurrieren, sondern sie sinnvoll zu integrieren
Wikipedia hat das Potenzial, auch im KI‑Zeitalter eine zentrale Rolle zu spielen – aber nur, wenn sie sich weiterentwickelt.
